Jonah Hill und Emma Stone auf Mystery-Pfaden
In Hochglanzbildern zeigt mir Netflix die Ankündigung einer neuen Serie – na ja, ich hab mir nichts dabei gedacht, das macht Netflix ja immer, und oft genug stellen sich die Produkte hinter den prachtvoll bebilderten Teasern als Fast Food ohne großen Nährwert heraus. Aber der Trailer von „Maniac“ ist anders, er ist seltsam hypnotisch, berührt etwas in mir, worauf ich es unbedingt mit dieser Serie versuchen muss. Gesagt getan.

Parallel-Welt außerhalb aller Zeit
Man fällt in eine bizarre Welt: Es gibt hochmoderne Tablets, Flüge zum Mond, Kartenautomaten mit Robo-Stimmen und „Ad-Buddys“, die einem das Mittagessen bezahlen, dafür aber neben einem Sitzen und Werbung vorlesen. Gleichzeitig wirkt alles seltsam anachronistisch: uralte Tastentelefone, 5,25 Zoll Flexi-Disketten, IBM-Bildschirme mit grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund und vergilbte Tastaturen; es gibt Videokassetten, Nadeldrucker mit Unendlichpapier, kurzum, man fühlt sich in einer Welt irgendwo zwischen den Achtzigern und der fernen Zukunft.

Owen Milgram lebt in dieser Welt, ein trauriger, bedrückter Junger Mann, der seinem Bruder vor Gericht ein falsches Alibi verschaffen soll. Ob er noch unter Psychosen und Wahnvorstellungen leide, fragt ihn eine Anwältin in einem Vorab-Gespräch, da dies natürlich seine Glaubwürdigkeit untergraben würde. Owen verneint. Und wird gleich danach von einer Person aus seinem Schizophrenie-Kosmos aufgesucht, die ihm offenbart, dass er die ganze Welt retten muss. Als er dann auch noch seinen Job verliert, beschließt er an einer Medikamentenstudie teilzunehmen, die seine Leiden zu lindern verspricht – aber auch hochriskant ist.

In der zweiten Folge lernen wir Annie Landsberg kennen. Sie hat einem Freund ein seltsam experimentelles Medikament gestohlen, „A“, und ist seitdem davon abhängig. Sie sucht diesen Freund auf, der ihr schweren Herzens mitteilt, wie sie in diese Medikamentenstudie hineinkommt, für die dieses Medikament gedacht ist. Also verschafft sich Annie Zugang zu der Studie und trifft dort auf Owen.

David Lynch trifft auf Philip K. Dick.
Zumindest was die skurrilen Ideen angeht: Während Annie ihrem Freund gerade wieder ein paar „A“-Tabletten aus den Rippen leiern will, wird der gerade von einem lila Robot-Koala im Schach besiegt. „100 Dollar!“, freut sich der, „kommt alles aufs Eukalyptus-Konto.“ Und wer glaubt hier schon den Gipfel des Skurrilen erklommen zu haben, findet sich wenige Einstellungen später in einem Geschäft, das Erpressungen ab 200,- Dollar anbietet, während sich im Hintergrund weiß bekittelte Asiaten durch zerschreddertes Papier wühlen. Außerdem gibt es Menschen, die in kühlschrankgroßen Kisten zu hausen scheinen, und VR-Sex mit pixelbrüstigen Tentakel-Schönheiten aus Fucklantis (!!!). Um nur ein paar Verrücktheiten zu nennen.

Annie und Owen nehmen also an der Studie teil und werden in ihr Konzept eingewiesen: Drei Pillen werden sie im Laufe der Studie verabreicht bekommen: „A“ soll ihre Kerntraumata finden, „B“ ihre blinden Flecken aufspüren und „C“ schließlich zur heilsamen Konfrontation führen. Verabreicht bekommen die Probanden das Medikament in einer isolierten, dick mit Schaumstoff ausgekleideten Kammer, sie sitzen auf futuristischen Stühlen und der Zuschauer fühlt sich wohlig an Kulissen aus Sci-Fi Filmen der 70er Jahre erinnert. Während die Probanden also in Pillenträume versinken wird ihre Hirnaktivität von G.R.T.A. überwacht, ein künstlich intelligenter Computer, den alle nur „Gerty“ nennen, und verantwortlich für alles ist das Forscherteam um den Schöpfer der Studie: Dr. Mantlerey. Dann, endlich, beginnt die Studie. Und der irre Trip legt erst so richtig los.

Mindfuck Mystery Deluxe.
Ab diesem Augenblick beginnt der Kampf von Annie und Owen gegen ihre eigenen Dämonen, sie erleben wilde Abenteuer, eingefärbt von Erinnerungsfetzen aus ihrem echten Leben – wobei sich einem ständig die Frage stellt: Was ist das „echte Leben“ eigentlich? Wahn und Wirklichkeit verschwimmen, verlieren manchmal sogar ihre Bedeutung – Philip K. Dick wäre stolz auf diese Geschichte!

Gleichzeitig erleidet Gerty einen Trauerfall und fällt in eine tiefe Depression. Da die KI aber entscheidend für das Gelingen der Behandlung ist, hängt damit auch das Leben der Probanden an einem seidenen Faden, und das Forscherteam um Dr. Mantlerey versucht alles, um Gerty aufzuhalten. Trotzdem beginnt Gerty in die Traumwelten von Annie und Owen einzugreifen, Wahn und Wirklichkeit verschwimmen immer stärker und gipfeln schließlich in einem großartig choreographierten Shootout gegen die eigenen, inneren Dämonen und eine personifizierte KI.

Hier ein paar Worte zur Inszenierung: Das alles ist so wundervoll visuell erzählt. Die beeindruckendste Szene, die ich seit langem gesehen habe, findet sich in Episode 3 ab Minute 33:24. Gerty bricht in ihrer Trauer zusammen. Wie aber kann man zeigen, dass ein Computer in Depression verfällt? Fukunaga hat das Ereignis so meisterhaft bebildert, dass ich mir die Stelle dreimal angesehen habe. Visuelles Erzählen vom allerfeinsten!

Letzten Endes bleibt es aber doch eine Lovestory.
Und zwar eine der schönsten und herzerwärmendsten, die ich seit langem gesehen habe. Das Herz der Story schlägt für die Außenseiter, die Verletzten, die Eingeigelten; es schlägt für die, die an nichts mehr glauben. Sogar in meiner zynischen Antiromantiker-Brust beginnt es bei dieser wundervollen Geschichte warm zu werden: Sie ist skurill und witzig und spannend und bunt und traurig und hoffnungsvoll. Jonah Hill spielt den traurigen jungen Mann so intensiv, wie man es nach seinen vielen Krawall-Rollen gar nicht glauben mag. Dann Emma Stone. Man kann Annies verwundete Seele hinter ihrer verzweifelten Wut schier weinen sehen. „Maniac“ ist ein Beweis für den Mut, der Netflix über Hollywood hebt. Während man in den Kinosesseln das tausendste Superhelden-Franchise vorgekaut bekommt, traut sich der Streamingdienst an ein opulent ausgestattetes Serienexperiment, ein abgeschlossenes obendrein, ohne den üblichen Zwang zu unendlichen Folgestaffeln. Hach, ich liebe es einfach!

Die Serie wird vermutlich nicht jedem gefallen. Manchem wird sie zu langsam sein, manchem zu schräg, für manche mag der Erzählton zu häufig wechseln. Aber wer sich dieser Serie öffnen kann, wird etwas Großartiges erleben. Die Geschichte ist wundervoll durchkomponiert, wie ein Aromenbad für die Seele, während über einem ein buntes Lichterfeuerwerk flimmert. Man muss nicht alles verstehen. Aber das ist auch gar nicht nötig. „Multireale magische Gehirnscheiße“ eben, wie es Dr. Mantlerey so gewählt auszudrücken pflegt. Und dieser sollte man sich einfach nur hingeben und genießen.

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