Nach Get Out: Die Erwartungshaltung ist hoch.

Ich gebe es zu: Ich hatte meine Bedenken, ob Jordan Peele tatsächlich nochmal so ein toller Grenzgänger gelingt, wie Get Out einer war: Spannend, gesellschaftskritisch, toll fotografiert, hoher Popcornfaktor ohne die Botschaft aus dem Auge zu verlieren. Zwei Jahre später kommt „Wir“ in die Kinos, und ich halte mich von allen Trailern und Filmbesprechungen fern, wie der Teufel vom Weihwasser – nichts kann einen Jordan Peele schneller zerstören, als ein Spoiler. Jetzt hab ich ihn mir also endlich gegönnt und gestern gesichtet – und da ich ihn hier bespreche, wissen die geneigten Leser bereits, dass er mir gefallen hat, und eine Empfehlung Wert ist. Kommt er aber wirklich an „Get Out“ ran? Tja. Da werde ich jetzt mal nicht spoilern…

 

Großartig komponierte Bilder fangen den Zuschauer ein.

Bilder, die kann Peele wirklich. Es fängt mit einer großartigen Kamerafahrt an, die im Auge eines weißen Hasen beginnt – man mag darin eine Anspielung auf das „run, rabbit, run!“ aus „Get Out“ sehen, aber man muss nicht. Wir begegnen der kleinen Adelaide auf einem Rummelplatz irgendwo in den 80ern. Sie verirrt sich in einem Spiegelkabinett und erlebt dort etwas, das sie aus der Bahn wirft. Wir sehen nicht was, wir sehen nur ihre Eltern, oder nein, wir sehen die Rücken ihrer Eltern, die später am Tisch einer Kindertherapeutin sitzen und sich darüber unterhalten, dass manche Traumata Kinder eben zum Verstummen bringen. Und hier ist sie wieder: Die tolle Stimmung, die Jordan Peele erzeugen kann, die eindrücklichen Bilder, die langsamen Kamerafahrten, bei denen sich nur allmählich das ganze Bild herausschält, während wir den Dialogen lauschen. Nein, die umwerfende Bildsprache eines Stanley Kubrick erreicht er nicht, aber ich fühle mich doch desöfteren an die wunderbar durchkomponierten Bilder von Shining erinnert.

Dann macht die Story einen Zeitsprung. Adelaide ist erwachsen geworden, hat zwei Kinder im Teenageralter und einen freundlichen Ehemann. Man fährt in Urlaub, alles ist idyllisch, alles ist schön, die Bedrohung wird erst spürbar, als Adelaides Ehemann sie dazu überredet zum Strand zu fahren – zu dem Strand mit dem Rummel, auf dem Adelaide ihr traumatisches Erlebnis hatte. Allmählich bricht es dann auf, Adelaides Schweigen, sie verrät, was ihr im Spiegelkabinett widerfahren ist – und nicht viel später wird die Familie davon heimgesucht.

 

Ein Tanz durch die Genre-Nischen.

Ich gestehe, ich war nicht gleich überzeugt von dem Film. Zu sehr habe ich befürchtet, dass „Wir“ eine etwas andere Home-Invasion Schlachtplatte ist, und Home-Invasion ist definitiv nicht mein Genre. Aber anstatt eines ermüdenden Katz-und-Maus-Spiels in Spielfilmlänge schlägt der Film bald erneut Haken und drückt den Zuschauer gekonnt zurück in den Fernsehsessel: Man erlebt eine faszinierende Geschichte, deren Auflösung abermals verdeutlicht, dass Jordan Peele ein kreativer Kopf ist, der gerne doppelbödige Storys mit Botschaft erzählt – und „doppelbödig“ ist im Falle von „Wir“ gleich auf mehreren Ebenen zutreffend.

Ja, die Auflösung ist wild, manche Erklärungen sind fischig, und bei einigen Dingen muss man „ist halt metaphorisch gemeint“ in seinen Popcorn-Pott murmeln. Trotzdem macht „Wir“ Spaß, ist spannend und originell. Viele Bilder sind eine Augenweide und ich erwische mich immer wieder, dass ich über die Story nachdenken muss. Ich wollte eigentlich schreiben, dass „Wir“ trotzdem nicht ganz an „Get Out“ herankommt, aber je länger der Film nachwirkt, desto weniger will ich das schreiben. Was ich jedenfalls weiß: Ich werde ihn definitiv ein zweites Mal gucken, denn ich bin ziemlich sicher, dass man beim zweiten Durchlauf viel besser diese Tiefe erkennen kann, die in der Story steckt!

 

Vom Horrorfan für Horrorfans.

Jordan Peele sagt von seinen Filmen, es sei Popcorn-Kino zum nachdenken. Das unterschreibe ich sofort! Und das ist es auch, was mir an seinen Filmen so gut gefällt. Sie haben ein schweres Grundthema, machen einem Angst, verstecken eine tiefere Botschaft unter der Genre-Kost, und gleichzeitig gibt es da immer auch so einen komödiantischen Vibe, so ein Augenzwinkern, das die Filme aus der bitteren Schwere heraushebt, die sie ausstrahlen könnten.

Peele selbst beschreibt sich als großen Horrorfan und wer genau aufpasst, findet sie auch, die Anspielungen u.A. auf „Alien“ und „Die Vögel“. In einer der ersten Einstellungen sieht man eine Videokassette mit den Goonies neben einem alten Röhrenbildschirm stehen, und der Handlungsort ist eine offizielle Verbeugung vor „The Lost Boys“, dem ersten Film, der die fröhliche Strandidylle von Santa Cruz in ein Horrorszenario „umgedreht“ hat. Denn das, so sagt Peele in einem Interview, bereitet ihm riesiges Vergnügen: Idylllische Orte „umdrehen“, um sie mit etwas Dunklem zu besudeln – und da finde ich schon den nächsten Grund, warum ich seine Filme so gerne mag, denn diese Leidenschaft habe ich mit ihm gemein.

Im Original heißt der Film übrigens „Us“ und das ist treffender. „Wir“ spricht nur eine Seite der Botschaft an, den dunklen und versteckten Teil, der in uns allen steckt, aber „Us“ spielt außerdem auf „United States“ an, auf die kollektive Angst, die dieses Land laut Peele heimsucht. Und damit genug der Klugscheißerei. Egal ob „Wir“ oder „Us“, dieser Streifen ist eine Bereicherung für jede Horrorsammlung! Wenn ihr also Lust auf toll bebilderte und originelle Genrekost mit Popcorn-Vibe habt, wisst ihr jetzt, was zu tun ist.

 

 

Ein Mystery-Thriller um Geheimbünde, Verschwörungen und perfide Technologien – wagen Sie es, das tote Tal zu betreten?

»Wir haben immer geglaubt, die Technologie des Ordens soll uns vom Tal fernhalten. Aber was, wenn das nicht stimmt? Was, wenn sie etwas im Tal festhalten soll?«

Die Hölle ist kalt und dunkel.

»Wenn es stimmt, was Sie sagen, ist die Colombo noch irgendwo da draußen, besudelt vom Schicksal des letzten Aufklärungsteams. Und von dem, was es von dort mitgebracht hat.«

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