Auf Inspirationsjagd für „Das Aether-Fieber“

Eigentlich sollte es ein Spaziergang werden, um den Kreislauf wieder anzukurbeln: Immunsystem stärken, Infekt aus dem Leib jagen, ein bisschen frische Luft in die geschundene Hustenlunge saugen, und, mit etwas Glück, ein paar frische Ideen für „Das Aether-Fieber“ aufstöbern.

Also flott rein in die Wanderschuhe, und hoch den Hügel, immer schön den Puls im Auge, was meine Schritte schnell langsamer werden lässt – Wandern Großvater-Style eben, aber egal. Die Sonne scheint den ganzen Tag schon, der Himmel ist strahlend blau, das Licht wunderbar gelb, ein herrlicher, goldener Spätherbst-Tag der die Sinne anregt; ich kann spüren, wie die Inspiration im Anmarsch ist. Aber kaum hab ich ein paar Meter Steigung geschafft ziehen plötzlich diese verdammten Schwaden vor die Sonne. Düsternis kehrt ein. Ärger auch. Man könnte glauben, der Dunst hat auf mich gewartet. Aber wer weiß, vielleicht hat er das ja sogar!

 

Im Nebel lauert der Steampunk-Horror.

So stapfe ich den Berg hoch. Dunst zieht zwischen den Bäumen hindurch, das Licht wird blass und grau und saugt alle Farbe aus der Welt und meinen Gedanken. Mit trüber Seele erreiche ich den höchsten Punkt und trete aus dem Wald heraus. Die fränkische Idylle wird heimgesucht von tiefen Wolkenschwaden; wie Geisterarmeen kriechen sie über das Grün und verschlingen es. Die Sonne ist nur noch eine blasse Scheibe, ihr Licht stemmt sich gegen den Dunst, wird aber niedergedrückt und erstickt wie ein lästiger Schwelbrand. Laub raschelt, wird vom Wind über die Kieswege gejagt, verängstigte Gruppen aus verdorrtem Gelb. Im Dunst verborgen kreischen Elstern ihr heiseres Lied und jeden Moment erwarte ich die schwarzen Schemen der Nazgul, ihre roten Augen, das hungrige Schnauben ihrer Rösser.

 

Nur wer sich der Düsternis stellt, kann ihre Geschichten erzählen.

Ein normaler Mensch wäre vermutlich umgedreht. Heißer Tee, Wärmflasche, Heizung, Decke. Die Verheißungen des bequemen Lebens eben. Aber ich will keine Wärmflaschen-Geschichten erzählen! Und das Aether-Fieber will auch von keinem Wärmflaschen-Autor erzählt werden. Es ist, als wäre dieser Nebel aufgeladen; Schatten tanzen groteske Tänze und ziehen wie Ungeheuer vorbei, der Wind ist leise und kalt und heiser; alles ist gedämpft, die zivilisierte Welt vollständig verschluckt. Der perfekte Geburtsort für eine finstere Geschichte.

Also kauere ich mich in den Windschatten eines alten Jägerstandes und hole mein Notizbuch heraus. Die Leitersprossen drücken sich mir in den Rücken, das Moos ist feucht und saugt mir alle Wärme aus dem Leib. Es ist wie ein Ritual, das die Kräfte der finsteren Inspiration beschwört; ich opfere meine Körperwärme, um den Blick in eine kalte Welt zu werfen, und tatsächlich, als ich dann meinen Kugelschreiber heraushole, kann ich sie endlich vor mir sehen:

Die Aschestadt.

 

Das Aether-Fieber gestattet einen Blick auf seine Schauplätze.

Ich will euch gar nicht zu viel von der Aschestadt verraten, na ja, ein bisschen vielleicht: Sie ist ein einziges, zusammengewuchertes Geschwür aus Fabrikanlagen. Die Mauern aus Ziegelstein flimmern vor Hitze und in den blinden Fenstern lodert der Widerschein von Schmelzöfen; Wälder von Fabrikschloten husten giftige Wolken in die Luft und ätzender Dunst steigt von Abwasserbächen und Schlacketümpeln auf. Eine Seilbahn führt über die Aschestadt, hermetisch verschlossene Glaskäfige, mit Filteranlagen, um unbeschadet durch das Gift zu kommen.

Ich will euch von Randall Crake erzählen, dem Lord der Aschestadt, und von den fremdartigen Technologien mit deren Hilfe er diesen riesigen Moloch aufgebaut hat. Niemand kennt das Geheimnis dieser Technologien, niemand kann sich die Funktionsweise der Geräte erklären, die aus der Aschestadt kommen; man sagt Randall Crake würde die Konstruktionsweise dieser Dinge träumen. Kein Außenstehender hat jemals Zutritt zur Aschestadt bekommen, nicht einmal die Kaiserin, aber die lässt den Lord gewähren; immerhin beliefert er sie mit Kriegsgerät, mit der ihre Truppen durch die Feinde mähen wie eine Sense durch Herbstgras.

Doch nun hat Lord Crake einen fürstlich entlohnten Forschungsauftrag ausgesprochen und kaiserliche Truppen in die Stadt beordert, um etwas zu ergründen, das er entdeckt hat. Niemand weiß worum es sich dabei handelt, auch Sandy Tover nicht, Wissenschaftlerin der kaiserlichen Akademie. Durch den langjährigen Dienst im Auftrag der Kaiserin hat sie es sich längst abgewöhnt Fragen zu stellen – vor allen Dingen, wenn ein Auftrag so reich entlohnt wird, wie dieser. Aber als sie in einem dieser Glaskäfige durch giftige Wolken schaukelt, beginnt sich das zu ändern.

Die Gondeln nehmen eine Abzweigung, lassen den Glutschein der Stadt hinter sich und fahren direkt auf eine Felswand zu. Das Seil verschwindet dort hinter einem schweren Metallportal; das Portal schiebt sich zur Seite und öffnet sich zu einer Höhle. Karbidlampen entzünden sich an dem Glaskäfig, als er in die Höhle taucht; sie bemalen die Wände mit knochenweißem Licht. Das Rattern der Räder auf den Stahlseilen hallt unheimlich wider. Sandy Tover massiert sich die Stirn. Es fühlt sich an, als wäre da eine Quecksilberperle zwischen ihren Augen, die ganz langsam zu glühen beginnt. Die Aufregung, versucht sie sich einzureden, und muss sich setzen. Aber sie ist nicht die einzige. Die gesamten Passagiere der Glasgondel schwanken und taumeln; manche pressen sich beide Hände auf die Augen, einer übergibt sich und Erbrochenes spritzt gegen die Glaswand. Der Käfig jedoch schaukelt ungerührt weiter durchs Dunkel, auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel.

 

Ein Wärmflaschen-Autor outet sich.

Jetzt habe ich kein Gefühl mehr in den Fingern, mein Rücken ist steif und in meinem Bart hängen Tropfen von kondensiertem Nebel, die auf meine Schuhe fallen, als ich endlich aufstehe. Ich schaue in den Dunst hinaus und denke über diesen kleinen Szenenkeim nach, den ich gerade im Nebel entdeckt habe. Er wird sich verändern. Er wird ein Eigenleben entwickeln, und wahrscheinlich wird er im fertigen „Aether-Fieber“ nichts mehr mit dieser kleinen Skizze hier zu tun haben. Schon jetzt merke ich, dass die Ideen weitergehen, dass sie sich verändern, ausschmücken, an Details gewinnen, Wurzeln in meinem Gehirn schlagen und tiefer hineinwachsen. Aber das ist ja das schöne an Geschichten! Sie sind lebendig. Und dafür nimmt man ein bisschen Frieren gern in Kauf.

Scheiß drauf, denke ich, als ich mich dann endlich mit steifen Beinen auf den Heimweg mache. Daheim hau ich mich in die Badewanne. Bin ich eben doch ein Wärmflaschen-Autor. Manchmal. Diesen Szenenkeim kann mir das Aether-Fieber trotzdem nicht mehr entreißen! Ob es allerdings eine gute Idee ist, sich mit einer solchen Geschichte anzulegen, wird sich noch zeigen…

 

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