In den Weiten des Alls lauert der Horror

So fängt es oft an: Ein schwarzer Bildschirm, ein Raumschiff, dass aus dem Bildrand hereinschwebt, keine Musik, höchstens ein unheilvoller Sound. Schnitt. Eine Besatzung, die ihren alltäglichen Dingen nachgeht, Scherze untereinander, Normalität und Alltag eben, bevor das Grauen einbricht. Willkommen in einem fiesen kleinen Nischen-Genre: Science Fiction Horror.

 

Eines vorweg: „Science Fiction Horror“ ist ein breiter Begriff und man kann sich darüber streiten, was dazu gehört und was nicht. Ich habe hier meine ganz persönliche Auswahl getroffen und meinen Blick auf die Spielart des Sci-Fi-Horror gerichtet, die mich besonders fasziniert: Eine kleine Gruppe, eingesperrt, alleine gegen ein Grauen, das ihre Vorstellungskraft sprengt und sich immer näher an sie herandrängt. Ich weiß nicht, ob man dem eine Schublade verpassen muss, aber wenn man möchte, wäre „Sci-Fi-Survival-Horror“ vielleicht ein passendes Etikett auf dieser Schublade. Aber lasst uns nicht über Schubladen reden. Lasst uns über Geschichten reden.

 

Die Speerspitze des Sci-Fi-Survival-Horrors: Alien.

Ich weiß es noch wie gestern: Im Wohnzimmer hocke ich und baue ein paar extra schnittige Tragflächen an mein Lego-Raumschiff. Mein Papa hat derweilen einen Bekannten zu Besuch und drückt ihm mit glänzenden Augen eine Betamax-Videokassette aus der Videothek in die Hand. „Sowas hast du noch nicht gesehen!“, sagt er zu seinem Gast, und grinst das wissende Grinsen eines Genießers, der sich keine weiteren Informationen aus der Nase ziehen lassen wird. Ich kann es noch vor mir sehen, wie sich die Videotheks-Plastikhülle öffnet und diese Videokassette aufblitzt: der Aufkleber nur schlichtes schwarzes Papier, ein einziges, schlichtes Wort darauf, von einem unheimlichen grünen Leuchten umgeben. Alien. Die Hülle schließt sich wieder, aber der Schriftzug bleibt wie ein Nachbild vor meinem Auge hängen und wird mich noch Jahre verfolgen und meine Fantasie Saltos schlagen lassen.

 

Als ich den Film dann Jahre später selbst mit zitternden Fingern in den Player schiebe, stehen die Snacks auf dem Tisch schon bereit: Brötchen mit Frischkäse, und dazu gibt es Kirschsaft mit Eis. Die Eiswürfel klingeln an das Glas, als ich die Playtaste auf der Fernbedienung drücke. Das Bild flimmert. Das knallrote „Ab 18“ füllt den Bildschirm und die bekannte Stimme beginnt ihren Altersfreigaben-Warntext zu verlesen, „Liebe Videofreunde, bevor Sie sich das Videoprogramm Ihrer Wahl ansehen, bitten wir Sie einen Moment um Ihre Aufmerksamkeit.“ Schneller Bildvorlauf bietet sich an, aber ich genieße das süße Warten vor dem großen Moment.

 

Und es wird ein großer Moment. Was ich dann erlebe, wird sich für immer in die Popkultur-Region meines Hirns einbrennen: Ein Notruf, ein fremder Planet, eine Stimmung so spannend, dass einem die Nerven zu zerreißen drohen. Ich glaube tiefer habe ich mich nie wieder in meinen Fernsehsessel gedrückt, als in dem Moment, als der Facehugger seinen ersten Auftritt hat. Und das ist nur der Beginn einer Spannungskurve, die sich unerbittlich anzieht – besser kann man Spannungskino nicht machen!

 

Jetzt ist Alien zum Franchise geworden, über dessen Sinn und Unsinn man sich streiten kann. Aliens – die Rückkehr, Alien 3, Alien – die Wiedergeburt, Prometheus – dunkle Zeichen und schließlich Alien – Covenant: Ich gebe zu, dass mein Interesse mit jeder Fortsetzung mehr abgenommen hat, und den aktuellen Teil habe ich bisher noch nicht einmal gesehen. Tu ich noch. Irgendwann. Vielleicht. Aber den wahren Erben des Ur-Alien habe ich ohnehin woanders gefunden und er hat 1997 das Licht der Welt erblickt:

 

Befrei mich aus der Hölle! Die Event Horizon.

Es ist das Jahr 2047 und wieder ist es ein Raumschiff, ein Bergungstrupp voller kantiger Kerle und zäher Ladies, das seinen Heimaturlaub vergessen kann, weil da ein Funksignal aufgetaucht ist. Diesmal ist es kein Notsignal. Diesmal ist es ein Lebenszeichen. Ein Forschungsraumschiff. Sieben Jahre lang war es verschollen, nachdem es einen neuen Hyperraum-Antrieb getestet hat. Jetzt ist die Event Horizon plötzlich wieder aufgetaucht, in der Nähe des Neptun, und treibt da schweigend und schwarz vor sich hin. Ein Totenschiff? Jedenfalls hat das ganze Ding etwas seltsam Lebendiges an sich…

 

Ich liebe diesen Film. Ich liebe die Stimmung, ich liebe es wie sich das Grauen anschleicht und den Bergungstrupp immer fester einschnürt, wie sich subtiler Suspense ganz allmählich in blutigen Horror verwandelt, ohne dabei seine schier unerträgliche Spannung zu verlieren. Außerdem liebe ich das Design der Event Horizon – ganz ehrlich, dieses bedrohliche Ungetüm würde ich auch dann nicht betreten, wenn da drin ein Sack mit Gold und ein Whirlpool voller schöner Frauen auf mich warten würden. Die Darsteller sind großartig, Sam Neil als trügerisch zurückhaltender Wissenschaftler, Lawrence Fishburn als starker Captain des Bergungstrupps, aber auch der Rest des kleinen Ensembles: Dieser Zusammenhalt zwischen Crewmitgliedern ist einfach großartig und glaubwürdig dargestellt!

 

Allein und isoliert mit dem Horror aus dem All: Ein Nischengenre.

Als Filmfan kann man durchaus den einen oder anderen Streifen finden, der dieses Thema mehr oder minder geschickt bedient. Da gibt es Screamers aus dem Jahr 1995, in dem autonome Killerroboter, die, angelockt vom menschlichen Herzschlag, Jagd auf Freund und Feind machen (ein Film, der übrigens auf der Kurzgeschichte „Variante Zwei“ von Philip K. Dick basiert), es gibt „Pandorum“ (2009) mit Dennis Quaid als Raumschiffkapitän, der völlig  orientierungslos auf einem Raumschiff aufwacht, dessen Energiesysteme zusammenzubrechen drohen, es gibt „Sphere – die Macht aus dem All“ (1998) mit Samuel L. Jackson, Dustin Hoffman und Sharon Stone als Forscherteam, das ein Raumschiff erforschen soll, das man in der Tiefsee gefunden hat, dann natürlich noch „Das Ding aus einer anderen Welt“ von John Carpenter, das Kurt Russell durch eine Forschungsstation in der Arktis jagd, und „Pitch Black – Planet der Finsternis“, auf dem sich ein paar superfiese Aliens herumtreiben, die nur im Dunkeln rauskommen – dumm nur, dass Vin Diesel ausgerechnet dann dort stranden musste, als eine absolute Sonnenfinsternis bevorsteht.

 

In der B-Movie Abteilung lassen sich zum Thema ebenfalls genügend Filme mit schwankender Qualität finden: Moontrap (1989) zum Beispiel, Infini (2015), oder mein persönlicher Trash Liebling „Virus“ mit Jamie Lee Curtis: Eine Energie-Alienrasse dringt in das System eines Kriegsschiffes ein und macht so mithilfe der Bord-Technologie Jagd auf die Besatzung. Unsinnige Story? Schlecht gespielt? Verdammt, ja! Aber das tut meinem Vergnügen keinen Abbruch.

 

Moderne Gehversuche in dem Genre haben mich dafür dann nur wenig überzeugt. „Life“ (2017) mit Ryan Reynolds zum Beispiel fühlt sich für mich wie ein sehr glattes Alien-Zitat an und konnte mich überhaupt nicht packen. „Das Cloverfield Paradox“ klang ebenfalls sehr vielversprechend, kommt unterm Strich dann aber wie ein konfuser Event-Horizon Klon daher. Na ja. Genug mit passivem Filmeglotzen verbracht, nehmen wir mal den Playstation-Controller in die Hand.

 

Auf der Konsole hört dich niemand schreien: Weltraum Horror für nervenstarke Gamer.

Story ist bei vielen Computer- und Konsolenspielen Nebensache, so das Klischee. Aber wer diesem Gedanken noch immer nachhängt, sollte sich einmal an Bord der USG Ishimura begeben, Schauplatz des ersten „Dead Space“-Abenteuers. Eigentlich wollte ich keine Games in diesem Artikel erwähnen, aber wenn irgendein Produkt der Unterhaltungsindustrie jemals das Etikett „Science Fiction Survival“-Horror verdient hat, dann sind es die „Dead Space“ Spiele.

 

Alleine der Name des Protagonisten versetzt den Sci-Fi-Nerd in Verzückung: Isaac Clarke. Aber mit den Storys von Arthur C. Clarke und Isaac Asimov hat Dead Space nur wenig gemein: Isaac Clarke ist Techniker und Systemingenieur und wird auf das Abbauschiff USG-Ishimura geschickt, weil jegliche Kommunikation abgebrochen ist. Also betritt er das Schiff. Und findet entsetzlich zugerichtete Überreste der Besatzung. Und was über die Crew der Ishimura hergefallen ist, macht sofort Jagd auf Isaac, der sich mit seinem Plasma-Cutter zur Wehr setzen muss…

 

Himmel, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel Angst beim Zocken gehabt habe. Jeder Gang ein potenzieller Alptraum, überall die Furcht überfallen zu werden, Munition knapp, Medikits knapp, und die Suche nach einer Fluchtmöglichkeit von dem heimgesuchten Riesenschiff führt einen ständig tiefer in seine Eingeweide hinein… Dieses Game saugt einen in den Survival-Horror hinein, bis man selbst glaubt an Bord der Ishimura zu sein. Zittrig tastet man sich vor und entreißt der Ishimura Stück für Stück das Geheimnis ihres grausigen Schicksals. Das alles ist unglaublich gut erzählt, und wer die Nerven hat, dem sei ein Besuch dieses Alptraum-Schiffs wärmstens ans Herz gelegt! Ich schlendere derweilen zum Bücherregal und sehe nach, was das Genre hier zu bieten hat.

 

Wo ist der Sci-Fi-Survival Horror in den Büchern geblieben?

Leider macht sich dort Enttäuschung breit, die Ausbeute an Sci-Fi-Horror-Romanen ist nämlich erstaunlich gering. Peter Watts hat mit „Blinflug“ einen Schritt in die Richtung getan, aber hier liegt der Schwerpunkt eher auf den großartigen Hard-SF-Ideen, als auf Bedrohung und Horror. John Shirley hat mit „Bioshock“ eine düstere Zukunft in einer Unterwasserstadt beschrieben, (basierend auf dem gleichnamigen Computerspiel), und Michael Crichton hat in „Andromeda“ die wunderbar klaustrophobische Stimmung eingefangen, die das Genre ausmacht, aber als Sci-Fi-Horror kann man das alles trotzdem nicht bezeichnen.

 

Wenn man die Lupe auspackt und auf Suche geht, findet man hin und wieder ein paar Romane, die vielversprechend klingen: „Das Schiff“ von Greg Bear, und natürlich „Nightflyers“ vom großartigen George R.R. Martin – letzteres wird bald als Serienadaption auf Netflix erscheinen. Selbst eine genauere Suche war also nur bedingt ergiebig. Wenigstens hat sie mich an Autoren wie Alfred Elton Van Vogt herangeführt, der die Macher von Alien (erfolgreich) verklagt hat, weil die sich offenbar nach Herzenslust in Vogts Werk „Die Expedition der Space Beagle“ bedient haben. Und schon wächst er wieder, mein SuB.

 

Und sonst? Nun, aktuell schickt Jens Artschwager in „Plasmaherz“ seinen Protagonisten in ein verlassenes Raumschiff und bietet einem Fan wie mir damit einen schmackhaften Genre-Snack. Außerdem wird sich Philip P. Petersons „Das schwarze Schiff“ ebenfalls in den Genre bewegen – der Autor selbst beschreibt den Roman als „ein bisschen im Stil von „Alien“, „Event Horizon“ und „Pandorum““, was mich natürlich vorfreudig zum Oktober blicken lässt, dann nämlich soll „Das schwarze Schiff“ als eBook erscheinen.

 

Ach ja. „WetGrave“ gibts dann noch. Eine Liebeserklärung an Alien und Event Horizon, eine leidenschaftliche Verbeugung vor einem Genre, das seinen Fans hoffentlich bald wieder frisches Futter serviert, am besten noch warm und schön blutig. Ich persönlich arbeite jedenfalls daran!

WetGrave hat Deine Neugierde geweckt? Dann findest Du hier eine Leseprobe von dem Sci-Fi Survival-Horrortrip, eine kostenlose und natürlich vollständige Hörbuchversion, und den Roman selbst:

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